Raphael - ein Thriller aus dem Bayerischen Wald

In der Glasarche, die auf dem Weg zum Lusen steht, findet die Polizei Raphaels erste Leiche.

Wer gerne Thriller liest, ist hier richtig. Raphael, war 2011 der Auftakt zu einer Thriller-Serie. Insgesamt vier mal haben der Passauer Kommissar Ralf Bender und sein Team im Bayerischen Wald gefährliche Mörder und Psychopathen gejagt. Wir stellen hier als Fortsetzungsroman den ersten Band vor. Jede Woche gibt es ein Stück mehr, solange bis der Roman komplett ist. Wer nicht so lange warten möchte, kann das Buch auf der Verlagsseite www.golbet.de deutschlandweit portofrei zum Preis von 12.95 Euro kaufen. Natürlich gibt es dort auch die drei weiteren Bände der Erzengel-Reihe (Gabriel, Michael und Uriel) zu kaufen.


Der Autor Alexander Frimberger und das Redaktionsteam von brezn-und-bier.de wünscht schaurig schöne Lesestunden!


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Kurze Inhaltsangabe:

Eine schreckliche Mordserie erschüttert den Bayerischen Wald rund um Grafenau. Am Lusen wird eine furchtbar entstellte Leiche gefunden, Menschen verschwinden scheinbar wahllos. Keine Spuren, keine Anhaltspunkte, Kommissar Bender und sein Team tappen hilflos im Dunkeln. Der besessene Serienkiller Raphael treibt beinahe unbehelligt sein grausames Spiel - versetzt die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Und: Jeder Verdächtige scheint ein dunkles Geheimnis zu haben.



„Soll ich nicht hassen, Herr, die dich hassen, soll ich nicht deine

Widersacher verabscheuen. Mit äußerstem Hass hasse ich sie,

zu Feinden wurden sie mir."

(Psalm 139/21-22)


PROLOG


1. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir


2. Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen


3. Du sollst den Feiertag heiligen


4. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren


5. Du sollst nicht töten


6. Du sollst nicht ehebrechen


7. Du sollst nicht stehlen


8. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden


9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib


10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut



„Ich bin Raphael, ergebener Diener und Racheengel des Herrn. Meine Aufgabe auf Erden ist es, das Eitergeschwür des Unglaubens aus der verderbten Seele der Menschheit zu schneiden. Die zehn Gebote sind das Manifest des göttlichen Willens. Wer in seinem Leben ihnen folgt, der wird auferstehen im Lichte des Herrn. Wer aber fehlt, darf die Herrlichkeit des Schöpfers nicht erfahren und wird auf ewig brennen im Feuer der Verdammnis. Sein Antlitz ist nicht würdig vor Gottes jüngstem Gericht geschaut zu werden. Ihm soll die teuflische Fratze aus dem Gesicht gerissen werden, sein Blut soll durch den unreinen Boden des Erdenreichs hinab in die Hölle fließen. Sein Körper soll an den Pranger gestellt werden, weithin sichtbar für Jedermann, zur Abschreckung und zur Mahnung an die Gebote des Herrn. Und sehet das Zeichen: Ebenso soll es mit der Visage dieses Satans sein. Aus dem Körper gerissen, ist sie Warnung für die Ungläubigen und gerechte Demütigung für die Sünder. Drum fürchtet euch vor dem Bösen und kehret um, bevor es keine Rettung mehr für euch gibt. Ich, Raphael, bin nur das Werkzeug, der Herr richtet über das Schicksal für alle Ewigkeit. Amen!“


„Ich bin Raphael, ergebener Diener und Todesengel des Herrn. Ich will dich erlösen von den Qualen der irdischen Sünde. Dir, der du gottesfürchtig und fromm auf Erden gelebt hast, sollen sich die Himmelspforten auftun. Gereinigt und frei trittst du vor deinen Schöpfer. Fürchte dich nicht vor den irdischen Leiden, den Schmerzen und Qualen des Todes. Du kannst auf unseren Herrn Jesus Christus bauen, der da spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und an mich glaubt, der wird in Ewigkeit nicht sterben. Das Licht des ewigen Lebens wird für dich leuchten. Die unreine Erde ist nicht würdig, deinen gesalbten Körper aufzunehmen. Ein Heiliger wirst du sein, dein Leib eine Reliquie für jene, die dereinst ihr Leben dem Geiste Jesu Christi, unseres Herrn widmen werden. Ich, Raphael, bin das Werkzeug, der Herr richtet über das Schicksal für alle Ewigkeit. Amen!





Montag, 15. März 2010, Gedenktag des Heiligen Klemens Maria Hofbauer, Stadtpatron von

Wien.

Der Herr sieht ihn mit Wohlgefallen.


Heute vor zwei Jahren explodiert in Albanien ein Munitionslager im Dorf Gerdec, reißt 26

Menschen in den Tod, Hunderte werden verletzt.

...und auch an diesem Tag hatte Satan die Finger im Spiel.


„Dreh‘ das Radio lauter, ich will das hören!“ Benno brummte: „Was soll der Scheiß, ich kann dieses blöde, absolut witzfreie Gutelaunegebrabbel nicht mehr hören.“ „Ja, ja, ich weiß. Ich auch nicht. Aber scheinbar wurde eine Leiche gefunden. Oben, am Lusen“, Klaus war hellwach, obwohl ihm das Wochenende schwer in den Gliedern saß. Journalistentagung in Passau, drei Tage lang. Und vor allem die letzte Nacht hatte es in sich, da ließ er förmlich die Puppen tanzen. Ohne Benno, der gestern schon müde und zu keinem nächtlichen Weiberfang mehr aufgelegt war. „Ha, eine Leiche am Lusen. Tausende gibt es da, tausende von Baumleichen“, versuchte Benno zu scherzen. „Wie, was, Baumleichen? Oh Mann, dein blödes Gequatsche geht mir noch mehr auf den Sack als diese Radio-Fuzzis. Jetzt dreh‘ das Ding schon lauter!“ Klaus hatte genug von der Diskussion.


„...handelt es sich um eine nicht identifizierte Leiche eines etwa 30-jährigen Mannes. Laut Augenzeugen, die den offenbar ermordeten Mann gefunden haben, soll der Leichnam geschändet worden sein. Von der Polizei wurden noch keine näheren Angaben zu den Umständen der Tat gemacht.“ Jetzt hatte Benno auch genug gehört. „Hey, Klaus, gib Gas. Da müssen wir hin, das ist ja die Story“, drängte er ungeduldig. Zum ersten Mal überhaupt war Benno froh um Klaus‘ Autofimmel. Der drückte das Gaspedal seines 911er Turbo kräftig durch und ein breites Grinsen wollte nicht mehr aus seinem Gesicht weichen. Nur eine halbe Stunde, dann würden sie am Tatort sein. Sie freuten sich über die Aussicht auf tolle Schlagzeilen. Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten - vor ihnen lag ein Verbrechen von einem Ausmaß, wie es der Bayerische Wald bislang nicht kannte: Gefährlich, rätselhaft und für viel zu viele Menschen tödlich.

Zwei Stunden zuvor stand Kriminalhauptkommissar Ralf Bender unter dem Gipfel des Lusen. Der Tag hatte noch gar nicht richtig angefangen, es war kalt. Und er hatte wieder dieses Zucken. Das linke Auge zwinkerte ständig, unkontrolliert. Diese Leiche verdarb ihm den nüchternen Magen. Nichts war mehr da von einem Gesicht. Nur nacktes Fleisch, ein paar Hautfetzen und Knochen. Kreisrund war es heraus geschnitten worden, die Haut herunter gerissen. Ein grausiger Anblick, der dem Kommissar zusetzte, obwohl dieser eigentlich hart im Nehmen war. Abgelegt war die geschändete Leiche in der gläsernen Arche, einem riesigen Kunstwerk, das in der Hand Gottes ruht. „Eine Arche in den Tod, wie sinnig”, brummte Bender missmutig. Um 7 Uhr hatte ihn das Telefon aus dem Schlaf gerissen. Wanderer hätten am Lusen einen toten Mann gefunden. Die übliche Maschinerie setzte sich eine halbe Stunde zuvor unbeirrbar in Bewegung. Um 6.35 Uhr war auf der „110“ die Meldung eines Leichenfunds eingegangen. Der Kriminaldauerdienst (KDD) mit Sitz in Passau wurde informiert und machte sich auf den Weg. Gleichzeitig schickte die Polizeiinspektion Grafenau eine Streife zum Tatort, verständigte Feuerwehr und Rettungsdienst. Notarzt, Spurensicherung, Bender, auch alle anderen erhielten den Befehl aus-, beziehungsweise anzurücken. Alle verfügbaren Streifen wurden mit einer Sofortfahndung nach Verdächtigem beauftragt. Schlichen einsame Wanderer umher? Gab es Raser oder sonstige auffällige Fahrzeuge? Verfügbare Streifen in den Nachbarlandkreisen wurden angefordert, Straßenkontrollen an den Bundesstraßen B85, B533 und B12 angeordnet, denn: Die Fluchtmöglichkeiten waren grenzenlos. In weniger als einer halben Stunde konnte der Täter über Passau, Deggendorf, Cham oder über die nahe tschechische Grenze verschwunden sein. Bundespolizisten, die nach dem Wegfall der Grenzkontrollen sonst für die Einhaltung des Schengenabkommens zuständig sind und in einem großzügigen Radius entlang der Grenze patrouillieren, wurden informiert und auch bei den tschechischen Kollegen ging ein Anruf ein.


Ausgerechnet der Bayerische Wald. Wenn es etwas gab, das Bender richtig hasste, dann war es eine frühmorgendliche Fahrt von Passau in die tiefste Provinz. Es war Montag, es war März und der sulzige Schnee auf dem Berg sickerte in Benders Schuhe. Diese Woche war eigentlich schon wieder gelaufen. Inzwischen war es 8.12 Uhr, wie das Zifferblatt auf Benders Uhr verriet. „Irgendwelche besonderen Spuren?”, fragte er ungeduldig seinen jungen Kollegen Franz Schaller, dessen erste Handlung es an jedem Tatort war, sich die Gummihandschuhe überzuziehen und der Spurensicherung tatkräftig zur Seite zu stehen. Eine Eigenart, die Bender völlig fremd war. Er würde nie auf diese Weise im Dreck wühlen.

„Ich bin noch nicht soweit, aber bisher ist da gar nichts. Ich verstehe das nicht, bei dieser Sauerei.” Schaller deutete auf den Toten und robbte auf allen Vieren durch den Schnee, um alle möglichen ekligen Dinge zu suchen: ausgespuckte Kaugummis, gebrauchte Tempos, leere Flaschen. Die Spuren der Zivilisation eben. Normalerweise gab es rund um Tatorte jede Menge solcher Dinge. Hier nicht. Alles war sauber, nichts war da. Nicht einmal eine Zigarettenkippe. „Ich kann jetzt schon sagen: So sauber wie das hier ist - die Putzfrau war’s. Hundert Prozent.”

„Rede keinen solchen Schmarrn und wühl weiter”, herrschte ihn Bender an. Den Kriminalhauptkommissar überkam die unbändige Lust auf eine Zigarette. Mechanisch klopfte er alle Taschen ab. Doch Fehlanzeige, er hatte ja vor mehreren Monaten aufgehört. Auch das trug nicht zur Besserung seiner allgemeinen Gemütslage bei. „Jaja, ist schon Recht. Jedenfalls wurde der Kerl nicht hier oben getötet, soviel ist sicher”, schnappte Schaller beleidigt zurück. „Der hat keinen Tropfen Blut mehr im Körper.”


Sein Chef war aber längst schon wieder in Gedanken: Das ergab doch alles keinen Sinn. Wer schleppte eine Leiche hier hoch, in diese Saukälte und bei dem Schnee? Den Kommissar widerte die Szene an. Das enthäutete Gesicht, die riesige hölzerne Hand, in der die Gläserne Arche ruhte und mitten drin ein lebloses Häuflein Mensch. Unerträglich für Bender war dieser starrende Blick des Toten, diese beiden schneeweißen Kugeln, die aus den Augenhöhlen heraus glotzten. Darunter die bleckenden Zähne, strahlend weiß und kalt wie der Tod

„Wie ist er gestorben?”, wendete sich Bender Schaller zu.

„Halsschlagader. Glatt aufgeschlitzt.”

Der Kommissar hatte genug für diesen Morgen: „Ihr macht das schon. Und wehe ihr überseht etwas”, bedeutete er seinen Kollegen.

Einfach nur weg, dachte Bender. Außerdem meldete sich ein altes Problem wieder, das ihn seit seiner Kindheit verfolgte, ihm aber fast

schon entfallen war: Kaum betrat er einen Wald, schon kam seine

Darmtätigkeit in plötzliche Wallung. In enorme Wallung. Bender musste dringend auf die Toilette, doch hier im Wald war weit und breit nichts zu sehen. Es musste schnell gehen, das kam noch erschwerend hinzu. Mit immer schneller werdenden Schritten eilte der Kommissar seinem Auto auf dem 500 Meter entfernten Parkplatz zu - und natürlich wusste er, dass diese Strecke nicht zu schaffen sein würde. Immer fester kniff er die Pobacken zusammen und kam sich fürchterlich unwürdig vor, wie er mit angespanntem Schließmuskel und tropfendem Schweiß im Gesicht durch den Wald stelzte. Endlich tauchte ein hölzernes Häuschen am Wegrand auf, ein Plumpsklo wie aus Opas Zeiten, das ihm der Nationalpark hier quasi als Geschenk des Himmels hingestellt hatte. Schon während er die Tür öffnete, riss er sich schon die Hose herunter - es war wirklich in allerletzter Sekunde. Da saß Bender nun, der Schweiß rann ihm von der Stirn und er wusste nicht mehr, wovor ihn mehr ekelte: Dem geschändeten Toten, seiner Darmschwäche oder dem ganzen Muff hier und rund um Passau, der ihm die Lust am Leben raubte. Missmutig blickte er auf die obszönen Schnitzereien an der Klowand. Sein massiger Körper drückte ihn tiefer auf den unbequemen Sitz und er ließ lautstark Einen fahren. Seine Gewohnheit, auf dem Klo sitzend den Abstand zwischen Bauchnabel und Knien abzuschätzen, ließ ihn vor Schreck erstarren. Wieder war er kleiner geworden. Und: Würden seine dicker werdenden Schenkel irgendwann sein bestes Stück zerquetschen? Als würde das etwas an seinem Umfang ändern, strich er mit einer Hand über den Bauch. Egal, was er jetzt brauchte, war erst einmal ein kräftiges Frühstück. Aus’zogne zum Beispiel! Besonders in solchen Momenten fehlte Bender eine Vertrauensperson. Gut, seine Frau war dies bis zu einem gewissen Punkt immer gewesen und auch nach der Scheidung bis heute geblieben. Aber was Bender wirklich suchte war ein Seelenverwandter, jemand, dem man auch die letzten Geheimnisse anvertrauen konnte. Diesen allerbesten Freund, von dem er andere immer reden hörte. Aber wahrscheinlich war es einem emotionalen Krüppel wie ihm nicht gegönnt, dieses Glück zu genießen.

Die Leitung am Berg übernahm inzwischen Kriminalhauptkommissarin Manuela Hentschel. Ihr durchtrainiertes Äußeres war das komplette Gegenteil ihres Chefs. Solange Bender da gewesen war, hatte sie sich um die Umgebung des Tatorts gekümmert. Vom Parkplatz bis zur Arche und im näheren Umfeld des gläsernen Kunstwerks suchte sie entlang der Wege jeden Quadratmeter ab. Sie fand keine Hinweise, keine besonderen Spuren. Hentschel genoss die eisige Luft an diesem März-Morgen, durch den lichten Wald konnte man weit hinunter bis ins Tal blicken. Und gerade, als sie die Idylle richtig eingenommen hatte, da fiel ihr der tote Mann wieder ein.



Weiter geht's am kommenden Montag, 1. März 2021